Die Magie der Synergien

Von Dr. Malte Hozzel

Synergien bedeutet Energien, miteinander verbunden zu einer Einheit. Für das Feld des relativen Lebens ist es natürlich, sich in Form von Vielfalt auszudrücken. Diese Vielfalt verdichtet sich allerdings zu einer ganzheitlichen Dynamik, wenn man ihre Elemente auf intelligente und harmonische Weise zusammenbringt, um auf diesem Wege neue umfassende Einheiten zu erzeugen. So offenbart ein Blumenstrauß seinen einzigartigen Zauber in der Verbindung unterschiedlicher Blumen, nicht anders als eine Mahlzeit ihren kulinarischen Wert in der Kombination verschiedener miteinander verbundener Geschmacksrichtungen entfaltet unter der Regie eines guten Kochs und dessen schöpferischem Genius. Wenn sich unterschiedliche Elemente in intelligenter Weise zusammenfinden, steigert sich deren Einzigartigkeit, sodass das jeweilige Ganze mehr wird als die Ansammlung seiner lediglich mathematisch zählbaren Teile.

Dr. Jean Valent, einer der Begründer der modernen Aromatherapie, verwies schon darauf, dass der elektrische Widerstand miteinander vermischter Öle sich ohne weiteres verdoppeln oder verdreifachen lässt im Vergleich zum elektrischen Widerstand eines jeden einzelnen Öls.

Desgleichen nutzt man im Rahmen der Produktion guter natürlicher Parfüms dieses synergistische Gesetz, um ein Geruchserlebnis zu kreieren, welches sich nicht selten entscheidend abhebt von den einzelnen miteinander verbundenen Duftelementen. Kopfnoten wie Bergamotte, Lemongras oder Eukalyptus-Öle mit ihren hochgradig flüchtigen Komponenten verbinden sich mit Herznoten wie Lavendel, Salbei oder Petitgrain, um angereichert oder besser „verzaubert“ zu werden durch Basisnoten wie Weihrauch, Jasmin, Sandelholz oder Vetiver. Ein gutes Parfüm, zusammengestellt aus natürlichen Komponenten, liefert niemals das Erlebnis eines „einzigen“ Duftes, sondern lebt aus der Mischung einer komplexen Einheit von Düften, zusammengestellt unter der Leitung eines verfeinerten Bewusstseins und einer gut trainierten „Nase“. Es wird Duftbotschaften zum Gehirn schicken, und das über Stunden oder sogar Tage, sodass man sich am Zusammenklang einer ganzheitlichen Erfahrung erfreuen kann, solange die Sequenz seiner einzelnen Komponenten die neuronale Erregung aufrecht zu erhalten vermag.

Synergien zur Therapie

Mit einem vertieften Verständnis von Aromatherapie und Duftnoten gelangen wir zu der Erkenntnis, dass man ätherische Öle für mannigfache Zwecke miteinander zu mischen vermag. Einer dieser Zwecke besteht darin, Synergien für die Therapie herzustellen oder, sagen wir, zur Anhebung von Wohlbefinden, Gesundheit und Langlebigkeit innerhalb der menschlichen Physiologie. Ausgehend von diesem Thema „Duft fürs Leben“, können wir jetzt unterschiedliche Zugangswege nachzeichnen, einige von ihnen einfacher andere komplexer.

Ein einfacher Weg würde uns verstehen lassen, dass gewisse natürliche, biochemische Komponenten, wie man sie in ätherischen Ölen vorfindet, die eine oder andere Wirkung in sich tragen, und dass man Öle vermischt, welche ein Höchstmaß derselben Komponenten aufweisen. Die grundlegende Ähnlichkeit im biochemischen Profil ätherischer Öle wie Kampfer, Rosenholz und spanischer Majoran besteht darin, dass sie alle miteinender einen hohen Prozentsatz von Linalool aufweisen, einem Monoterpen-Alkohol. Allein das würde schon eine gute Synergie ergeben. Nutzen ziehen können wir aus der tonisierenden und zugleich höchst anti-bakteriellen Wirkung dieses natürlichen Pflanzen-Linalools, indem man diese Öle miteinander mischt. Vergessen sollten wir allerdings nicht, dass die Heilwirkung von Pflanzenkomponenten nicht allein an die dominanten „Chemotypen“ gebunden ist, sondern sich auch darauf gründet, was die Parfümindustrie die „Unreinheiten“ oder Spurenelemente nennt, mächtige „Minderheiten“, welche sich oft hinter dem Einfluss der Hauptkomponenten verbergen.

Ein anderer Zugang bestünde darin, Öle derselben Gattung oder Pflanzengruppe miteinander zu mischen und damit das zugrunde liegende „Pflanzenfeld“ oder die „Resonanz“ zu treffen, wie sie die Natur ihrerseits in diese Gruppe hineingelegt hat: Zum Beispiel, indem man verschiedene Typen von Lavendel-Ölen oder unterschiedliche Typen von Eukalyptus- oder Basilikum-Ölen miteinander kombiniert. Obschon sie in der Regel hinsichtlich ihrer Biochemie und ihrer Duftnoten hochgradig voneinander abweichen, folgen doch all diese Öle derselben Gattung einer heimlichen Linie von Gleichheit, welche die erwünschte therapeutische Wirkung ihrerseits nur verstärken kann.

Ähnlich dieser Methode, Öle derselben Spezies miteinander zu kombinieren, kann man auch Öle zusammenbringen, die von verschiedenen „Organen“ der Pflanze stammen. Zum Beispiel lässt sich Neroli-Öl (Blumenöl) mit dem Öl der Bitterorange (Schalenöl) mit Petitgrain bigarade-Öl (Blattöl) kombinieren, welche ihrerseits alle dem Bitterorangen-Baum (Citrus auranthium) entstammen. Oder ein anderes Beispiel: wir könnten das Öl der Wurzel, dem Blatt und dem Samen der Angelikapflanze entnehmen und eine synergistische Mischung erzeugen, um so die angstlösende Wirkung dieses schönen Öls zu erhöhen.

Die einfache Verbindung verschiedener Öle von unterschiedlichen Pflanzenarten weist manchmal eine erstaunliche synergistische Steigerung auf: „In einem Forschungspapier über die anti-mikrobielle Aktivität von Nelken-und Rosmarin-Ölen wird nachgewiesen, dass beide, Nelke und Rosmarin, anti-mikrobielle Wirkungen entfalten gegenüber einer Reihe von Bakterien und Pilzen. Eine Verbindung von Nelke und Rosmarin wies zusätzliche anti-mikrobielle Wirkungen gegenüber verschiedenen Gruppen von Bakterien, eine synergistische Wirkung gegenüber Candida albicans auf, jedoch eine antagonistische Wirkung gegenüber Aspergillus niger. Die Autoren schlossen daraus, dass diese Studie nützlich sein könnte im Hinblick auf die Kombination von Nelken-und Rosmarin-Essenzen im Umgang mit spezifischen Mikroorganismen innerhalb der Medizin und Nahrungsmittel-Industrie“.  (cf. „The School For Aromatic Studies“) Fu, Y, Zu, Y, Chen, L, et al. 2007. Antimicrobial Activity of Clove and Rosemary Essential oils alone and in combination. Wiley InterScience DOI:10.1002/ptr.2179.

Lass dich vom alten Wissen anleiten – jenseits des Symptoms:

Folgen wir Erkenntnissen, wie sie innerhalb der alten volkskundlichen Medizin überliefert sind, die sich auf eine Jahrhunderte alte Weisheit ihrem Ursprung nach gründet, so sind wir in der Lage, Richtlinien auszumachen, welche uns ihrerseits erlauben, gewisse elementare Naturgesetze aus ihnen abzuleiten.

Der Ayurveda, die Weisheit der Langlebigkeit des alten Indien, zeigt auf, dass wir auf die „doshas“ der Pflanzen schauen sollen wie auch auf die menschliche Physiologie, um ein Gleichgewicht innerhalb des Systems zu erzeugen. Einer Physiologie, welche ihrer Anlage nach heiß ist oder in ihrem Ungleichgewicht überhitzt ist (Pitta dosha), würde man nicht leichtfertig eine Mischung dominanter „Pitta-Öle“ verschreiben wie Thymian, Oregano oder Bohnenkraut, dagegen eher eine kühlende Mischung aus Pfefferminz, Lavendel, Eukalyptus oder dergleichen. Wollen wir andererseits das Feuer Element (agni) im Verdauungssystem stärken, würden wir eher nach solchen Ölen greifen, die ihrerseits eine gewisse pitta-steigernde Dynamik im menschlichen Körper entfalten wie z.B Zimt, heiliges Basilikum, Nelkenblüte, Anis oder die oben genannten.

Oft ist es gut, Öle im Hinblick darauf zu mischen, die Physiologie sozusagen „auf einen Schlag“ in vielfältiger Richtung zu kräftigen. Zum Beispiel wird eine Mischung zur Unterstützung der Verdauung nicht lediglich auf den Magen oder den Darm abzielen, sondern gleichzeitig versuchen, der Leber Erleichterung zu verschaffen, möglicherweise auch der Gallenblase. Andererseits wird eine Mischung als Hilfsmittel gegen Schlaflosigkeit nicht nur den Geist beruhigen und die Nerven besänftigen, sondern darüber hinaus dem zugrunde liegenden Problemen wie Depressivität oder negativen Emotionen auf den Leib rücken, und darin Öle möglicherweise mit einbeziehen, die eine „aufschließende“, entkrampfende Wirkung zeitigen. Es ist ein übergreifendes Kennzeichen der synergistischen Aromatherapie, verschiedene Schichten desselben Problems anzugehen und nicht, wie in der allopathischen Medizin, sich an das bloße Symptom zu hängen. Mit einem Wort: Wir verabreichen nicht Cortison bei einem Ausbruch von Neurodermitis, sondern schauen nach der versteckten Ursache des Problems, um dann auf synergistischem Wege unterschiedliche psycho-physiologische Ebenen gleichzeitig zu behandeln.

Vergessen sollten wir nicht, dass ein ätherisches Öl seinerseits in den meisten Fällen schon eine Synergie zahlreicher biochemischer Komponenten darstellt. Über Millionen Jahre hinweg hat die Natur ihrerseits in der Erzeugung (wie auch der Erprobung!) pflanzlichen Lebens eine Unzahl von Elementen erfunden, welche sie oft in synergistischer Weise in die eine oder andere Pflanze zusammen hineingelegt hat, sodass eine Pflanze nicht selten viele unterschiedliche Funktionen gleichzeitig übernehmen kann. Jede Pflanze und jedes Öl verfügt über eine Anzahl heilender Wirkungen, welche ihrem spezifischen Energiefeld eigen sind, wie es sich nach außen hin ausdrückt, sei es in Farbe, Form, Größe, Duft, Komponenten usw. Diese Komponenten sind auf den menschlichen Organismus in höchst passender Weise wie Schlüssel und Schloss abgestimmt und vermögen so, spezifische „Löcher“ zu füllen, die durch Schwäche oder Krankheit im normalerweise reibungslosen Energiefluss innerhalb der Physiologie entstehen. Die komplexe Struktur dieser Komponenten gibt auch den Grund her für die vielfältigen heilenden Wirkungen ein und desselben ätherischen Öls. Lavendelöl wurde über Jahrhunderte hinweg von den Menschen der Provence als Allheilmittel betrachtet. Es wirkte gegen Schnittwunden, Verbrennungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Ekzeme, Verdauungsbeschwerden, Bronchitis, Fieber und Erkältung usw.  Die Natur bietet in sich selbst das beste Beispiel in der Verbindung gewisser Moleküle, um auf diese Weise eine erhöhte synergistische Heilwirkung zu erzeugen. Ein gutes Beispiel ist Lemongras-Öl (Cymbopogon citratus).

„Die antibakteriellen Eigenschaften des ätherischen Öls hat man erforscht. Diese Aktivitäten lassen sich nachweisen in zwei oder drei der Hauptkomponenten des Öls, wie man sie durch chromatografische und massenspektrometrische Methoden ausfindig machen kann. Während die Komponenten des alpha-citral (geranial) und beta-citral (neral) jeweils anti-bakteriell auf gramnegative und grampositive Organismen wirken, lassen sich bei der dritten Komponente, myrcene, ihrerseits keine beobachtbaren anti-bakteriellen Aktivitäten nachweisen. Myrcene entwickelten allerdings erhöhte Aktivitäten, vermischt man sie jeweils mit einer der beiden  besagten Hauptkomponenten“ (cf. „The School For Aromatic Studies“, Onawunmi, et al. über die „antibakteriellen Bestandteile in dem ätherischen Öl von Cymbopogon citrates“). Andererseits neigt die chemische Behandlung von Pflanzen mit Substanzen wie Herbiziden, Pestiziden, chemischen Düngemitteln etc. – was wissenschaftlich erwiesen ist – dazu, die Fülle der phyto-chemischen Komponenten zu vermindern, aufgrund dessen die vielfältigen heilerischen Wirkungen der Pflanze reduziert werden.

Reichtum von Komponenten versus Isolation „aktiver Bestandteile“

Untersuchen wir nun diese wenigen Beispiele, so stellt sich heraus, dass der Hauptgrund für den synergistischen Ansatz innerhalb der modernen Aromatherapie darauf hinaus läuft, die Vielfalt innerhalb der Einheit zu vermehren. Wir möchten eine spezifische Wirkung erzeugen, und um das zu schaffen, bedarf es der Einführung von Komplexität auf intelligente Weise, ohne das natürliche Gleichgewicht seinerseits zu stören. Im Gegensatz zum allopathischen Ansatz, welcher das aktive Prinzip in der Pflanze zu isolieren versucht, um dann in einem zweiten Schritt dasselbe zu synthetisieren, schreitet die Aromatherapie Hand in Hand mit Mutter Natur voran, wodurch sie die unendliche Komplexität ihrer Schöpfungen ehrt und bewahrt.

Gewisse Komponenten zu isolieren, um sie dann als toxisch auszumachen, ist eine äußerst kindische Annäherung der modernen Pharmakologen, die dann nachweisen wollen, dass dieses oder jenes ätherische Öl riskant sei. Die Natur hat bereits innerhalb dieser Komplexität alle Mittel bereit gestellt, gewisse Komponenten im Verhältnis zu bestimmten anderen ins Gleichgewicht zu bringen, sodass die Gesamtheit aller Bestandteile eines Öls in einer für den Menschen nicht-offensive Weise verfügbar ist, vorausgesetzt, dass man die richtige Dosis im Auge behält. Was sagte schon Hippocrates? „Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“ Vom therapeutischen Gesichtspunkt aus gesehen, erhöht die Komplexität die Chance auf Heilung und verhindert unerwünschte Nebenwirkungen. Natürlich gibt es so viele Komponenten innerhalb der Natur, von denen sich leichthin Zehntausende aufzählen lassen. Sie sind bislang noch

  • nicht erklärt im Hinblick auf ihre Heilqualitäten
  • nicht analysiert in wissenschaftlicher Weise
  • nicht völlig verstanden im Hinblick auf ihre wechselseitige Abhängigkeit und ihre sich gegenseitig verstärkende Dynamik

Das berechtigt uns nicht zu der Annahme, sie seien nutzlos. Deswegen steht es uns viel besser an, zu sagen: Nahezu die gesamte menschliche Physiologie mit ihren zahllosen Beschwerden entzieht sich unserer genaueren Erkenntnis im Hinblick auf ihre Reaktionen und ihre mögliche Resonanz mit Heilpflanzen.

Wenn wir deswegen die Komplexität innerhalb einer therapeutischen Mischung erhöhen, bieten wir unserer menschlichen Natur häufig eine höhere Gelegenheit, in Einklang mit dem Prinzip der Vielfalt innerhalb der Natur selbst zu gelangen und dadurch die Wahrscheinlichkeit für eine Heilung zu erhöhen, was bedeutet: Für eine Heilchance. Vergleichen lässt sich das mit dem Betreten eines Schlosses mit allerhand verschlossenen Räumen, Zimmern, Hallen, Fluren. Je mehr Schlüssel wir bei uns haben, desto größer wird die Chance sein, die geheimen Pforten aufzuschließen und das Schloss zu betreten.

Letzten Endes kann man sich dann bei der Schaffung eigener Rezepte im Rahmen der Aromatherapie oder bei der Entdeckung der angemessenen Öle auf dem Markt immer von der Natur inspirieren lassen und von jenen, die mit der Ganzheitlichkeit der Natur in direkter Verbindung stehen. Nichts muss erfunden werden oder einfach willkürlich zusammengefügt werden, lässt sich sagen; wir müssen einfach die rechte „Lesart“ entwickeln: Eine wirksame Synergie sollte sich auf die uralte Volksmedizin  und deren Erfahrung gründen, wenn möglich bestärkt durch die Forschung der modernen Aromatherapie, mittels verlässlicher Beweise und natürlich gründlicher Studien zum eigentlichen Thema. Diese „Mischung“ von Altem und Modernem erscheint mir als der gründlichste Weg für eine überzeugende und wirksame Pflanzenmedizin von heute wie auch für die kommende Zeit.

 

 

1 Kommentar
Hermine Ben Yahia

November 9, 2017 @ 10:16

Antwort

Danke für die Beschreibung. Für die in der Natur bestehender Zusammenhang, liegt hiermit die “ Wahrheit „.
MfG. Hermine

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